Rainer Land: Chinas gelenkte Marktwirtschaft. Hintergründe eines Booms. 2025 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien. Kindle-Version, Seitenzahl der Print-Ausgabe 232; 23,00 Euro;
R. Land fängt gewissermaßen ganz unten an: Was sind die Unterschiede zwischen Markt- und Planwirtschaft? Als wollte er ein Lehrbuch schreiben. Dabei ist doch sein Hauptthema die wirtschaftliche Entwicklung Chinas. Er verbraucht für die vorbereitenden Worte, das ist das erste Kapitel, zwei Fünftel der Seiten seines Buches und kommt dann später kaum darauf zurück.
Dabei sind in diesem ersten Kapitel durchaus interessante Anmerkungen, insbesondere zu der Eigenart von Innovationen zu finden. R. Land rückt Joseph Schumpeter, einen österreichischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts, in den Mittelpunkt, der u.a. die Eigenheit von Innovationen genauer analysiert hat:
„Eine moderne Kapitalverwertungswirtschaft ist ein dynamisches System, der grundlegende Prozess ist nicht Wachstum, sondern wirtschaftliche Entwicklung. Das ist die entscheidende wirtschaftswissenschaftliche Prämisse Schumpeters, die leider weder von der Mainstream-Wachstumsökonomie noch von der Postwachstumskritik verstanden und gewürdigt wird.“ [S. 27 von 395 (6 %)]
Insbesondere spielt die sekundäre Welle bei der Ausbreitung von Innovationen eine entscheidende Rolle:
„Eine sehr wichtige, aber oft unbeachtete und vernachlässigte Komponente ist die sekundäre Welle. Wenn Unternehmer beginnen, eine Innovation durchzusetzen, anscheinend erfolgreich, wird es in der Regel viele Nachahmer geben, die versuchen, diese Innovation zu kopieren – oft in mehr oder weniger veränderter Gestalt, um Innovationsgewinne zu machen. Nicht selten sind sie dabei erfolgreicher als der erste Innovator – sie haben geringere Kosten und können im Unterschied zum Vorreiter bestimmte Risiken vermeiden. Noch wichtiger aber sind die Rekombinationseffekte der sekundären Welle. Unternehmen versuchen, eine sich ausbreitende Innovation, ein neues Produkt, ein neues Produktionsmittel oder ein neues Verfahren, in ihre bisherige Produktion einzubauen, Folgeinnovationen in Gang zu bringen. Man denke an Folgeinnovationen der Elektrizität oder der neuen Werkstoffe in der elektrotechnischen und chemischen Revolution im späten 19. Jahrhundert.“ [S. 31 von 395 (7 %)]
Diese Ausführungen braucht R. Land, um zu zeigen, dass Innovationen eigentlich nicht planbar sind, und auch nicht „von oben“ angeordnet werden können, sondern Kreativität der Unternehmer oder Manager voraussetzen, also in eine sozialistische Planwirtschaft nicht gut passen.
Im Pkt. 1.5. des ersten Kapitels (Regulierte und gelenkte Marktwirtschaft; 31 % von Kindle-Version) geht Rainer Land auf die Unterschiede zwischen regulierter und gelenkter Marktwirtschaft ein und diskutiert theoretisch recht ausführlich ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Schön wäre es gewesen, wenn er an dieser Stelle Beispiele aus der VR China gebracht hätte, damit sich der Leser das besser hätte vorstellen können. Zumal für sein Buch der Begriff „gelenkte Marktwirtschaft“ essenziell ist. Der Autor macht es dann nur am Beispiel der USA, Westeuropas und Japans während und nach dem 2. Weltkrieg deutlich.
In dem Buch gibt es eine Reihe von Wiederholungen oder ähnliche Formulierungen. Dies ist dem Aufbau des Buches geschuldet. Zum Beispiel wird im Punkt „1.5. Regulierte und gelenkte Marktwirtschaft“ betrachtet, Im Unterpunkt 1.5.1., etliche Seiten später, wird dann nochmals „Regulierte Marktwirtschaft“ separat betrachtet und im Punkt 1.5.2. wieder etliche Seiten weiter „Gelenkte Marktwirtschaft“ für sich. Das erzeugt Wiederholungen, die beim Lesen stören.

In Kapitel 2 „Chinas gelenkte Marktwirtschaft“, das die Periode bis 2005 betrachtet, werden alle wesentlichen Ereignisse und Entwicklungen erörtert, und es wird auch nochmals bestätigt, wie wichtig das allmähliche, tastende Voranschreiten bei der chinesischen Entwicklung war. Schocktherapien wie in Russland wurden vermieden:
„Der Umbau gelang letztlich trotz vieler Probleme, weil mit dem dynamischen Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft in den 1990er und 2000er Jahren genügend Reserven vorhanden waren, um Defizite zu kompensieren, faule Kredite abzuschreiben, Fehlentwicklungen zu korrigieren und notfalls Finanzunternehmen zu retten. Hätte der Umbau des Wirtschaftssystems unter den Bedingungen einer allgemeinen Rezession in einer schrumpfenden Wirtschaft, bei sinkenden Einkommen und geringen finanziellen Spielräumen des Staates erfolgen müssen, wäre ein Erfolg kaum möglich gewesen.“ [S. 167 von 395 (40 %)]
Der Autor widmet sich der Reihe nach den Problemen (Umbau der Landwirtschaft, Umbau der Staatsbetriebe, Reformen in der Versicherungs- und Finanzwirtschaft), die angegangen werden mussten, als auch den Mitteln für eine schnelle Entwicklung (Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen). Nicht immer ist eine gute Lesbarkeit gegeben, weil R. Land mitunter seine Erörterungsgegenstände zu wenig strukturiert oder der nächsten Etappe (2006 bis 2030) schon vorgreift. Man muss allerdings dem Autor zu gute halten, dass die Entwicklung in China tatsächlich recht komplex ist, weil gleichzeitig mehrere Entwicklungsfelder angegangen wurden.
In Kapitel 3 „Chinas Pfadwechsel“ versucht R. Land das Neue in der Entwicklung seit 2006 herauszuarbeiten. Jetzt geht es um einen zunehmend innovationsgetriebenen Fortschritt in China und um die begleitenden Gesetze und Regeln. Es geht also um das, was der Autor im 1. Kapitel sehr ausführlich behandelt hat. Dieses Kapitel ist natürlich noch schwieriger zu schreiben als das vorhergehende, weil es um die Neuzeit geht, und viele Prozesse noch nicht abgeschlossen sind. Manchmal kann der Autor nur aufzählen, was geplant ist oder woran gearbeitet wird.
Sehr flüssig liest sich das Kapitel „4. Die Kommunistische Partei Chinas in der gelenkten Marktwirtschaft“. Dopplungen und Aufzählungen werden hier vermieden. Dieses Kapitel ist recht wichtig, um die Rolle der KP Chinas zu verstehen. Sie ist zwar eine Einparteienherrschaft, aber gleichzeitig sucht sie den Diskurs mit der Bevölkerung:
„Dies erforderte, die soziale Lage der Bevölkerung und ihrer verschiedenen sozialen, ethnischen und politischen Gruppen und der verschiedenen Lebenswelten zu reflektieren, zu verstehen und aufzugreifen. Dabei geht es nicht darum, gegebene Wünsche zu sammeln und zu aggregieren. Es geht darum, mögliche Entwicklungswege zu konstruieren, zu testen, zur Diskussion zu stellen und selektiv umzusetzen. Um diese dann in Zielvorstellungen zu transformieren, die der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung entsprechen, und im Diskurs herauszufinden, ob sie als geteilte Ziele angenommen werden und einen dynamischen Grundkonsens formieren.“ [S. 311 von 395 (76 %)]
Ganz im Gegensatz dazu strotzt das Kapitel fünf „Kapitalverwertung, Kapitalismus und Sozialismus“ von akademischen Formulierungen, die nur schwer zu konsumieren sind. Warum kann man nicht einfach China als gelenkte Marktwirtschaft, die keine Planwirtschaft im herkömmlichen sozialistischen Sinne ist, stehen lassen, sondern muss sich auf die völlig überflüssige Diskussion begeben, ob China ein kapitalistisches Land oder auf dem Weg zu einem sozialistischen Land ist. Man muss sich doch nicht in akademischen Feinheiten verlieren, ob der Chinese genügend „frei“ ist, um ihn als sozialistisch zu bezeichnen, oder ob er in Lohnarbeit so stark eingebunden ist, um das System, in dem er lebt, als kapitalistisch zu benennen.
Wünschenswert wäre es gewesen, Abbildungen und Tabellen, die im Anhang des Buches zu finden sind, in den Lesetext einzuordnen, das hätte ihn noch verständlicher gemacht. Dennoch ist das Buch gut recherchiert. Trotz einiger Schwächen bei der Darstellung kann sich ein Leser, Ökonom oder ökonomisch Interessierter, wenn er genügend Standvermögen hat, gut über die Wirtschaft Chinas informieren.

