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Der Kampf gegen die Inflation ist noch nicht gewonnen

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Artikel zu wirtschaftlichen Anlässen
Der Kampf gegen die Inflation ist noch nicht gewonnen

Der Kampf gegen die Inflation ist noch nicht gewonnen

Posted on 1. Februar 2023
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Wenn man verschiedene Meinungen zur Dauer der jetzigen Inflation finden will, so ist das ohne Probleme möglich. Gerade haben Analysten der Schweizer UBS-Bank und der US-amerikanischen Investmentbank Jefferies die Meinung veröffentlicht, dass 2023 eine schnelle Disinflation (also ein schnelles Absinken der Inflation) zu erwarten sei, schneller sogar als die Märkte annehmen. <https://www.deraktionaer.de/artikel/aktien/bullen-aufgepasst-analysten-sehen-grosse-ueberraschung-2023-20325003.html> Sie stützen ihre Meinung auf die 1980er Jahre, als höhere Zinsen (damit sind die Leitzinsen gemeint Seb. Solt.) für einen nachlassenden Angebotsdruck sorgten. Damit man sich vorstellen kann, was sie damit meinen, habe ich einmal die Inflationsraten der 1970er und 1980er Jahre in den USA in eine Grafik zusammengefasst. Dabei gilt diese Grafik nur annähernd, weil bei den Inflationsraten die jährlichen herangezogen wurden und bei den Leitzinsen, diejenigen, die am 1.1. des jeweiligen Jahres galten, die übers Jahr geändert werden konnten:

Inflationsraten-und-Leitzins-USA-1970-1990
Inflationsraten-und-Leitzins-USA-1970-1990

Aus der Grafik sieht der Leser, dass der Leitzins in den USA in den 1980er Jahren ausnahmslos über den jährlichen Inflationsraten lag und dadurch für einen nachlassenden Angebotsdruck sorgte (die Produktion wurde gewissermaßen gehemmt, weil die Kreditzinsen auch hoch waren).

Aber solch eine Situation, dass der jetzige Leitzins der Notenbanken über der Inflationsrate liegt, haben wir noch lange nicht, weder in den USA und gleich gar nicht in Europa, wo der Leitzins noch niedriger als in den USA ist.

Und genau an dieser Stelle hakt der Analyst der Plattform stock3.com Clemens Schmale ein und zweifelt an, dass die Inflation bald „besiegt“ sein wird, s. u.a. <https://stock3.com/news/ueberraschung-des-jahres-2023-steigende-inflation-11578273>. Dieser Autor macht aber noch mehr Tatsachen geltend.

Inflation ist ein Nachläufer

Z.B. ist Inflation ein Nachläufer und kein Vorläufer der Wirtschaft. Das zeigt sich u.a. schon beim Auftauchen der Inflation. Erst nach einer Weile, nicht sofort, wenn zusätzliches Geld in den Geldkreislauf gepumpt wurde, tritt Inflation auf. Die Ursache der Inflation in den USA ist ja nicht in höheren Energiepreisen begründet wie in Europa durch den Ukrainekonflikt, sondern, weil während der Coronazeit von der US-Regierung ordentlich Geld an die Verbraucher ausgeschüttet wurde. Dazu der erwähnte Clemens Schmale:

„In den USA erhöhte die Regierung die Staatsausgaben um zwei Drittel oder drei Billionen Dollar. Noch immer liegen die Ausgaben ein Drittel über dem Vorkrisenniveau. Das Geld muss irgendwohin und in diesem Fall floss es in den Konsum. Trifft sehr hohe Nachfrage auf begrenztes Angebot, müssen die Preise steigen.“ Und weiter zu Europa: „Auch in Europa wurden die Ausgaben kräftig erhöht, wenn auch bei weitem nicht um zwei Drittel. In den meisten Ländern stiegen die Ausgaben um 10-15 % gegenüber dem Vorkrisenniveau. Da die Ausgaben vor Pandemiebeginn stagnierten oder nur langsam stiegen, wurden in der EU dennoch effektiv 1,3 Billionen Euro zusätzlich in die Wirtschaft gepumpt.“ <https://www.godmode-trader.de/artikel/was-wirklich-gegen-inflation-hilft,10969016>

Diese Nachläuferfunktion behält die Inflation auch im Abflauen bei. Wenn die Notenbanken den Leitzins erhöhen (der wirkt sich, wie gesagt, auf den Kreditzins der Geschäftsbanken aus), dann dauert es etwa ein halbes Jahr, bis sich dieser erhöhte Leitzins in der Wirtschaft bemerkbar macht und sie abkühlt. Wie weit dann die Inflation sinkt, lässt sich auch nicht genau sagen, denn es spielen dabei zwei weitere Faktoren mit.

Ein Faktor: Die inflexiblen Löhne

Es ist ja nicht so, dass, wenn Inflation auftaucht, sofort die Löhne nach oben angepasst werden. Meist haben die Löhne gewisse Vertragslaufzeiten (oder Tariflaufzeiten). Erst nach Ablauf dieser Zeit können die Beschäftigten gegen die Teuerungsrate etwas unternehmen. Sie, oder die Gewerkschaften, fordern meist höhere Löhne, um einen Ausgleich zur Teuerung zu erhalten. Genau an diesem Zeitpunkt befinden wir uns z.B. in Deutschland. Überall kann man in der Presse oder im Rundfunk von höheren Gehaltsforderungen der Beschäftigten lesen oder hören. Da streiken die Postangestellten, das Luftverkehrspersonal, Beschäftigen der Metallindustrie usw. Ob die Beschäftigten einen Ausgleich oder gar mehr als einen Ausgleich im Vergleich mit der Inflation erhalten, sei dahingestellt, auf alle Fälle werden wieder Tariflaufzeiten vereinbart, die meist die Dauer von einem oder mehr als von einem Jahr betragen. Auch wenn nun die Teuerungsrate im Sinken ist, die vereinbarten Löhne müssen gezahlt werden, was die eigentlich abnehmende Inflation aufhält und in eine Lohn-Preis-Spirale münden kann.

Kommt dann noch ein Wirtschaftsaufschwung dazu, in dem die Preise sowieso die Tendenz haben, leicht anzuziehen, dann kann wieder ein allgemeiner Preisauftrieb einsetzen. Das sehen wir auch in der oberen Grafik in den USA, bei der die Inflation in den 1980er Jahren nicht stetig nach unten ging, sondern in der zweiten Hälfte jenes Jahrzehnt wieder anzog, was mit einem Wirtschaftsaufschwung in dieser Zeit zusammenfällt.

Ein zweiter Faktor: der Dienstleistungssektor

Im Dienstleitungssektor spielen ganz besonders die Löhne bei den Preisen eine Rolle. Solange die nicht sinken, sondern eher steigen, braucht man nicht auf eine allgemein schnell sinkende Teuerungsrate zu hoffen. Zwei Drittel des Warenkorbes bei der Inflationsbestimmung werden, wie Clemens Schmale schreibt [Link, siehe oben], vom Dienstleistungssektor bestimmt.

Das A und O bei Inflation: Haushaltsdisziplin

So merkwürdig das klingt, bei Inflation muss sich die Regierung anstrengen, die Ausgaben zu begrenzen. Was nützt es, wenn die Notenbank den Leitzins kräftig anhebt, die Regierung aber die Ausgaben ebenso kräftig erhöht? Das konterkariert geradezu das Handeln der Notenbank. Wie, wird man jetzt fragen, soll den weniger Bemittelten, den unteren Einkommensschichten, die besonders unter Inflation leiden, nicht geholfen werden? Denen muss unter sozialen Aspekten unbedingt geholfen werden. Aber hier ist genau zu überlegen, wie und in welchem Umfang das passiert. Dass die Benzin- und Dieselpreise zu Beginn der Inflation in Deutschland teilweise subventioniert wurden, um sie unter zwei Euro pro Liter zu drücken, gehört gewiss nicht dazu. Aber manchmal gehen beim Regieren politische Erwägungen vor ökonomischen Sachverstand.

Zusammenfassung

Wenn man all die Begleitumstände zur Inflation auflistet, so muss man die eingangs zitierte Studie der Analysten der UBS-Bank und Jefferies, die eine schnell fallende Inflation für dieses Jahr sehen, doch in Richtung Wunschdenken einordnen.

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