Unsere öffentlichen Massenmedien, auch die sogenannten Leitmedien, berichten nur sehr unausgewogen über die VR China. Wenn China seine wirtschaftlichen Ziele verfehlt, wie im Coronajahr 2023, dann wird das an die große Glocke gehängt, aber sonst wird vor allem über Menschenrechtsverletzungen und fehlende Demokratie in China berichtet. So kommt es, dass Chinesen vor allem von Deutschland lernen wollen, die Deutschen aber Chinesen vor allem belehren wollen:
»Deutschland praktiziert Schubumkehr: Belehren statt lernen. Die Welt soll sich nach dem deutschen Modell richten – oder klassisch-kolonialistisch gesprochen: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Schreibt also ein deutscher Korrespondent über eine positive Entwicklung in China, so stellten die Autoren fest, reagierten die Redakteure zu Hause oft skeptisch: „Wurde der Korrespondent hirngewaschen oder sogar von der chinesischen Regierung gekauft?“ « [Berliner Zeitung v. 5.1.2026, S. 17, Maritta Tkalec: Was Deutsche über Chinesen denken.]
Dass dieser Berichterstattung verzerrt ist, kann man daran erkennen, dass China weiterhin wächst, dass jetzt sogar chinesische High-Tech-Autos die deutschen Straßen erobern, und auch bei Handys, bestimmten elektronischen Bauelementen und bei der Energiewende China die Nase vorn hat und mit den USA konkurriert. Nun verschiebt sich sogar das China-Bild ins weiter Negative. Maritta Tkalec:
„Jetzt sind die Chinesen zu smart, zu erfolgreich. Das ängstigt die Zurückbleibenden, und sie verfallen auf neidgetriebene Methoden wie Diffamieren und Verächtlichmachen. Die beeindruckenden Erfolge Chinas sollen nun wie Folgen unlauteren Handelns aussehen.“ [Ebendort]
Jeder denkende Mensch, bzw. jeder, der den innovationsbremsenden Sozialismus erlebt hat, muss sich doch fragen, wie die „Chinesen“ trotz Ein-Parteien-Herrschaft das machen.
Den Sozialismus sowjetischer Prägung mit der dazugehörigen Wirtschaftsplanung übernahm die VR China von 1950 bis 1978. Doch die Ergebnisse waren unbefriedigend, so dass nach dem Ableben von Mao Zedong eine Riege von Politikern an die Macht kam, die nach neuen Wegen suchte, gewissermaßen nach einem System mit chinesischem Charakter. Man entschied sich für einen schrittweisen Übergang zu einer Marktwirtschaft. Dazu erlaubte man die Gründung von Privatunternehmen (zunächst mit kleiner Personenzahl), und man richtete Sonderwirtschaftszonen ein, um ausländische Direktinvestitionen zu ermöglichen. Das Ziel war, von anderen Ländern zu lernen und fortgeschrittenste Technik ins Land zu holen. Ganz anders als in der Sowjetunion, die zwei Jahrzehnte in zunehmender Stagnation verbrachte, ehe Kräfte zu einer Transformation des Wirtschaftssystems bereit waren – dann sollt es aber schnell gehen! –, legten die chinesischen Politiker auf einen allmählichen Übergang viel Wert. Außerdem lehnten sie es ab, politische Demokratisierung und wirtschaftliche Transformation gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Also Perestroika und Glasnost war nicht der chinesische Weg!
Bei der Umstellung der chinesischen Wirtschaft ging es nicht ohne Rückschläge oder kleineren Stagnationsperioden ab. Das zeigt Grafik 1, die die jährlichen Wirtschafts-Wachstumsraten (Grundlage ist das Brutto-Inlandsprodukt in US-Dollar) der VR China seit 1980 wiedergibt.
Quelle: statista.com und IWF
BIP zu laufenden Preisen in US-Dollar,
daraus berechnet die Steigerungsraten,
2025 und 2026 geschätzt
Selbst wenn die Inflation nicht berücksichtigt wurde (da in laufenden US-Dollar das chinesische BIP angegeben wurde, schlägt sich nur die US-Inflation nieder!) sind das eindrucksvolle Wirtschaftssteigerungsraten. Daraus lässt sich eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 9,8 % errechnen. Freilich kann man damit rechnen, dass China sein Wachstum in Zukunft nicht so fortsetzen wird. Für die 2020er Jahre peilt die Partei- und Staatsführung ein Wirtschaftswachstum von ca. 5 % jährlich an.
Die größten Einbrüche bzgl. der Wirtschaft gab es, wie Grafik 1 ausweist, 1990 und 1994. Um diesen Zeitraum fanden auch die Studentenunruhen in Peking (1989) statt. Das war zugleich der Zeitraum, in dem die Parteiführung über die schnellere Einführung von marktgerechten Preisen diskutierte (oder auch stritt), was Unruhe in der Bevölkerung auslöste. Der Reformprozess fing zu stagnieren an. Man einigte sich dann auf einen langsameren Übergang. Also anders als in Russland, wo das schockartige Vorgehen bei den Preisen und der Privatisierung in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zu einer Verelendung breiter Bevölkerungsschichten und zu einer Oligarchenwirtschaft führte.
Von einem Entwicklungsland zur Werkstatt der Welt
Seit Beginn des neuen Entwicklungsweges achtete man in China darauf, nicht nur ausländisches Kapital ins Land zu holen, sondern auch für den Export (und natürlich auch für die eigene Bevölkerung) zu produzieren. Man erwirtschaftete im Export sogar einen Überschuss, so dass man nicht wie andere Entwicklungsländer in eine Überschuldung geriet. Da der Reformprozess weiter fortgesetzt wurde, auch solche Bereiche, wie der Finanz- und Bankensektor einbezogen wurden, den Kommunen und Provinzen mehr Autonomie gegeben wurde – sogar ein Wettbewerb zwischen ihnen initiiert wurde, schaffte man es, Anfang der 2000er Jahre zur Werkstatt der Welt zu werden. Man stellte von Billigsachen bis zu hochwertigen Produktions- und Konsumgütern ziemlich alles für den Weltmarkt her und überschwemmte damit die Märkte, auch in anderen Entwicklungsländern. Klar war, dass die niedrigen Löhne in China, die für einen hohen Wettbewerbsvorteil sorgten, nicht auf Dauer zu halten waren. Die Entwicklung selbst sorgte für ein langsames Ansteigen der Löhne. Jetzt kam es darauf an, einen eigenen Innovationsprozess in Gang zu setzen, um nicht in die „Falle der mittleren Löhne“, wie andere Entwicklungs- oder Schwellenländer zu geraten. Diese produzieren für den Weltmarkt, sind aber im Know-how von den westlichen Industrieländern völlig abhängig. Nach einer Weile des starken Aufschwungs stagnieren diese Länder in ihrer Entwicklung. Würde dieser Übergang in China gelingen?
Der Übergang zum Technologiezentrum
Man kann ab 2006 von einem deutlichen Pfadwechsel in Chinas Wirtschaftspolitik sprechen. Das drückt sich auch in der Bezeichnung für die Fünf-Jahr-Pläne aus, sie hießen nun Fünf-Jahres-Programme. Die politische Führung legte von jetzt in diesen Programmen viel mehr Wert auf Umweltauflagen (Reduzierung der energieintensiven Fertigung) und auf die Entwicklung von eigenen Spitzentechnologien (z.B. Solartechnik). Manches wurde, wie in den Vorjahren, erst in kleinen räumlichen Gebieten ausprobiert, ehe es übernommen oder verworfen wurde. So tastete man sich langsam vorwärts, denn jetzt musste man einen eigenen Weg der Weiterentwicklung und der Innovation finden, der von anderen Ländern nicht einfach kopierbar war. Man hatte ja die Besonderheit der Ein-Parteien-Herrschaft, die manche Durchsetzung leichter machte, aber gleichzeitig auch Probleme verursachte, weil es die Herrschaft des Finanzsektors, der alles mit seiner eigenen Effizienz maß, nicht gab.
Die letzten 20 Jahre (wie auch schon die davor liegenden 25 Jahre) stellt natürlich die chinesische Parteiführung gern als beispiellosen Entwicklungserfolg dar (was er auch in der Tat war), aber man darf freilich nicht die Augen davor verschließen, dass es manchmal ganz schön „im Gebälk knirschte“ und die Parteiführung sich genötigt sah, scharf einzugreifen. So, zum Beispiel, bei der Immobilienblase in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre, als zu viel Wohnungen auf Kredit gebaut wurden, die nicht absetzbar waren. Der größte Immobilienentwickler Evergrande geriet in die Insolvenz, und die chinesische Parteiführung hat jahrelang mit den „finanziellen Aufräumarbeiten“ zu tun. Die westlichen Medien frohlockten: Jetzt befindet sich das chinesische Entwicklungsmodell in der Klemme.
Gleiches geschah mit dem Lock-down zur Corona Epidemie, die zu starken Beschränkungen für die Bevölkerung führte, wogegen die sich auflehnte. Mit einem Schlag ließ die chinesische Führung alle Beschränkung fallen. Die Welt staunte.
Die großen Ziele Chinas sind ambitioniert: „Bis 2020 sollte China eine »innovative Nation« werden; bis 2030 sollen Innovationen die entscheidende Quelle wirtschaftlichen Wachstums werden und China zu einer führenden innovativen Nation machen, und bis 2050 will das Land eine technologische Supermacht werden“ [Barry Naughton: The Rise of China’s Industrial Policy, 1978 to 2020. Primera edición. México: Universidad Nacional Autónomica de México, Facultad de Economía 2021, S. 77; zitiert nach Reiner Land: Chinas gelenkte Marktwirtschaft. Hintergründe eines Booms. 2025 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien]
Aber wie Barry Naughton etliche Seiten weiter betont:
„»Die Politik in China neigt dazu, über das Ziel hinauszuschießen und destruktive ›große Sprünge‹ hervorzubringen. Wir können nicht ausschließen, dass dies auch bei den IDDs [Pläne zur Innovations getriebenen Entwicklung Seb. Solt.] der Fall sein wird. Es handelt sich um ein enormes Wagnis, und die Gefahr einer Überschreitung ist erheblich. … Viele einzelne Industriepolitiken könnten scheitern, aber China könnte am Ende doch zu einer erfolgreichen Wirtschaft und einer modernen, einflussreichen Weltmacht werden.« (Ebendort, S. 96)“
Zuletzt noch eine Tabelle, die den technischen Aufholprozess der VR China gegenüber den USA veranschaulichen soll:
Tabelle 1
| Vergleich | USA | VR China |
| PKW (in Mio. Fahrzeugen) | 284 | 353 |
| Davon E-PKW (in Mio Fahrz.) | 6 | 31 |
| Highways/Expressways | 78.373 km | 191.000 km |
| Hochgeschwindigkeitstrassen | 735 km | 48.000 km |
| Kriegsschiffe | 295 | 234 |
| Atomkraftwerke | 94 | 93 |
Quellen: Alliance for Automotive Innovation, Botschaft der Volksrepublik China, CnEVPost, CSIS. Congressional Budget Office, Federal Highway Administration, World Nuclear Association, World Population Review; zitiert nach Spiegel v. 27.11.2025, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 49/2025

