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Der Nachfolger des China-Modells: Vietnam

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Artikel zu wirtschaftlichen Anlässen
Der Nachfolger des China-Modells: Vietnam

Der Nachfolger des China-Modells: Vietnam

Posted on 15 Apr. um 14:51 Uhr
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Es ist wirklich erstaunlich, wie eine geografische Nähe Auswirkungen auf das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem hat, genauer, wie das chinesische Modell auf den kleineren Nachbarn Vietnam abgefärbt hat. Beide Staaten hatten eine sozialistische Vergangenheit, die von dem sowjetischen Wirtschaftsmodell beeinflusst war. Während aber die VR China 1978 einen neuen Weg einschlug und ihn relativ konsequent verfolgte, hatte Vietnam mit einem Krieg und den Folgen eines Krieges (Vietnamkrieg der USA) zu tun, der 1975 endete.

Vielleicht hat der seitdem ähnliche Weg der beiden Länder u.a. auch damit zu tun, dass sie stark vom Buddhismus und Konfuzianismus über Jahrhunderte religiös geprägt wurden und Nordvietnam 1000 Jahre lang (bis 938) chinesische Provinz war. Jedenfalls schlug Vietnam knapp zehn Jahre später als China (1986, auf dem VI. Parteitag) einen marktwirtschaftlichen Reformweg ein, der unter dem vietnamesischen Schlagwort Doi Moi (Erneuerung, Innovation) bekannt wurde. Die bis dahin durchgehend staatlichen Unternehmungen und Betriebe sollten mehr Eigenständigkeit erhalten, und der Einfluss von Partei und Staat auf sie sollte reduziert werden. Damit verbunden war, dass inkompetente Betriebsleiter ausgewechselt wurden.

Das Bankensystem wurde dezentralisiert, indem das Einbanksystem aufgegeben wurde und Geschäftsbanken (staatliche, private und ausländische) neben der Zentralbank zugelassen wurden. Damit glaubte man, eine marktorientierte Geldpolitik zur Inflationskontrolle zu haben. Das klappte am Anfang nicht so gut, wie wir weiter unten sehen werden. Noch heute ist der Bankensektor längst nicht so gut entwickelt wie in westlichen Industriestaaten.

Auch in der Landwirtschaft schlug man neue Wege ein und orientierte sich an Chinas System der Haushaltsverantwortlichkeit. D.h., die Bauern hatten zunächst eine Pflicht zur Abgabe von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, was sie darüber hinaus erwirtschafteten, konnten sie frei auf landwirtschaftlichen Märkten verkaufen. Später wurde die private, bäuerliche Wirtschaft ganz ausgedehnt, und die Bauern konnten alles behalten und verkaufen, deshalb auch der Name Haushaltsverantwortlichkeit.

Der Erfolg war erstaunlich: Von einem Land, in dem Hunger herrschte, entwickelte sich Vietnam zu einem großen Reisexporteur. Das gelang, indem man den Bauern Autonomie gewährte, aber auch indem man neue Reissorten, die ertragreicher und krankheitsresistenter waren, anbaute.

Spätestens mit dem Zerfall des sozialistischen Lagers 1990 musste sich Vietnam völlig neu orientieren, neue Handelspartner suchen und neue Märkte erschließen. Wie China nutzte man bei dem Handel und der Produktion im Inland den komparativen Vorteil, d.h. niedrige Löhne.

Freilich gab es auch Unterschiede zur Volksrepublik China: Der staatliche Sektor behielt in Vietnam länger sein Gewicht als in China. Auch in der Bevölkerungspolitik gab es Abweichungen: Während China zeitweise eine strikte Ein-Kind-Politik verfolgte, setzte Vietnam eher auf eine weniger strikt durchgesetzte Zwei-Kind-Orientierung.

Freilich waren die ersten Jahre nach dem ausgerufenen Doi Moi auch von starken Problemen gekennzeichnet. Da die staatlichen Betriebe mehr Entscheidungskompetenzen erhielten, aber gleichzeitig auch Subventionen staatlicherseits zurückgefahren wurden, gerieten auch die Preise unter Druck. Verstärkt wurde das noch, weil die wirtschaftliche Hilfe aus der Sowjetunion wegfiel. Die Inflation erreichte Mitte bis Ende der 1980er Jahre, wie man aus der Literatur erfahren kann, dreistellige Werte. Um das besser zu illustrieren, sei ausnahmsweise ChatGPT herangezogen:

Überblick (ungefähre Jahreswerte) über vietnamesische Inflation

1980er Jahre – Hochinflation

  • 1981–1984: ca. 50–100 % pro Jahr
  • 1985: etwa 300 %
  • 1986: rund 450–500 % (Höhepunkt, oft als Hyperinflation bezeichnet)
  • 1987: ca. 300–350 %
  • 1988: ca. 350–400 %
  • 1989: Rückgang auf etwa 90–100 %

1990er Jahre – Stabilisierung

  • 1990: ca. 60–70 %
  • 1991: ca. 70–80 %
  • 1992: ca. 15–20 %
  • 1993: ca. 5–10 %
  • ab 1994: meist unter 10 %, teilweise nur 3–5 %

Quelle: ChatGPT

Nachdem man die Inflation in den Griff bekommen hatte, begann in Vietnam ein starkes Wirtschaftswachstum (Ø 6–8 % jährlich), das bis heute anhält. Interessant ist ein Vergleich mit den aufstrebenden Ländern Südostasiens, Malaysia und Thailand. (s. Grafik 1) Von den Nachbarländern Laos und Kambodscha hat sich Vietnam wirtschaftlich schon lange abgesetzt.

Grafik 1

Daten-Quelle: IWF

Grafik: Sebastian Solter

Aus der Grafik ersieht man, dass Vietnam in den 1990er Jahren von einem tieferen Niveau als Malaysia oder Thailand gestartet ist, sich aber seitdem kontinuierlich entwickelt hat. Im Pro-Kopf-Wirtschaftsniveau sind die beiden anderen Länder Vietnam immer noch voraus (genauso wie China 2026 = 14.730 US-Dollar BIP pro Kopf, Angabe nach IWF), doch Vietnam holt auf.

Ebenso sind aus der Grafik die schwierigen 1980er und die erste Hälfte der 1990er Jahre zu erkennen, bis man sich konsolidiert hatte.

Aus sich allein heraus hätte Vietnam diese beeindruckende Entwicklung nicht vollzogen, sondern indem es versuchte, ausländische Direktinvestitionen anzuziehen und sich in die internationalen Produktionsketten einzugliedern. Heute hat es einen starken Exportsektor mit Textilien, Agrarprodukten und Elektronik. Es versteht sich von selbst, dass es auch solchen internationalen Organisationen wie der WTO (Welthandelsorganisation) und den ASEAN-Ländern beigetreten ist.

Eine Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs war der Rückgang der Armut im Land. Obwohl in der Landwirtschaft immer noch überproportional Menschen beschäftigt sind, hat ihr Anteil an der Wirtschaftskraft kontinuierlich abgenommen (s. Tabelle 1).

Strukturveränderung im erwirtschafteten BIP (in %)

1986 1991 1996 2001 2010 2015 2020 2024
Landwirtschaft 43,8 40,5 27,8 23,6 15,4 14,5 12,7 11,9

Tabelle 1

Quellen: https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=9cf33e63-d715-1c47-31ca-7a64a2631bd4&groupId=252038

https://www.wko.at/statistik/laenderprofile/lp-vietnam.pdf

Ähnlich wie China versucht auch Vietnam, seine Abhängigkeit von ausländischen Konzernen und von der Exportwirtschaft zu verringern. Dazu hat es ein eigenes nationales Programm für die Förderung von Technologie und Innovationen bis 2030 aufgelegt. Bis jetzt rangiert Vietnam im Ranking der innovativsten Länder auf einem Mittelplatz (s. Tabelle 2).

Auszug aus dem globalen Innovations-Index 2025

Land

Ranking in der Welt (2025)

Punktzahl

Schweiz

1

66

Schweden

2

62,6

USA

3

61,7

China

10

56,6

Deutschland

11

55,5

Malaysia

34

40,6

Indien

38

38,2

Türkei

43

37,2

Vietnam

44

37,1

Thailand

45

36,7

Tabelle 2

Quelle: https://www.wipo.int/web-publications/global-innovation-index-2025/en/gii-2025-at-a-glance.html

Gewissermaßen ist bei diesem Index für Vietnam noch Luft nach oben. Und gleichzeitig wachsen auch die Herausforderungen (wie Umweltprobleme und Klimarisiken, besonders im Mekong-Delta) oder Fachkräftemangel in Hightech-Bereichen. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass Vietnam weiterhin auf einem stabilen Entwicklungspfad ist.

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