Buchbesprechung: Ulrike Herrmann: Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 1. Auflage, 336 Seiten, gebunden, 25,00 Euro.
An diesem Buch lässt sich erkennen, wie wichtig Grundeinstellungen für die Beurteilung einer Lage sind. Ulrike Herrmann hat sich ein achtbares Ziel gesetzt: Sie will die wachsende Kriegsgefahr in der Welt nicht in erster Linie aus politischen, diplomatischen oder militärischen, sondern aus wirtschaftlichen Zusammenhängen erklären. Sie bezieht sich in ihrer Analyse vor allem auf die Kriegsgefahr für die westlichen Industriestaaten. Doch sie geht sehr einseitig an ihre Aufgabe heran. Russland und China erscheinen bei ihr als die eigentlichen Kriegstreiber, deren wirtschaftliche Probleme sie zu militärischen Abenteuern verleiten könnten.
Diese Grundthese wird bereits in der Einleitung deutlich:
„In Russland wie in China ist die Wirtschaftslage desolat. Putin und Xi haben sich in ökonomische Sackgassen manövriert, die ihre Machtbasis bedrohen. Für beide Diktatoren könnte es daher reizvoll sein, Kriege zu beginnen, um von diesen ökonomischen Problemen abzulenken.“ (S. 17)
Die wirtschaftliche Situation der führenden westlichen kapitalistischen Staaten bleibt dagegen weitgehend ausgeklammert. So kommt es der Autorin gar nicht in den Sinn, die wirtschaftlichen und politischen Umstände in den USA zu beleuchten, die beispielsweise zum gegenwärtigen Irankrieg beigetragen haben. Ebenso wenig fragt sie, warum die westlichen Industriestaaten den Weg der Entspannung und Abrüstung verlassen haben, den sie in den 1970er- und 1980er-Jahren bereits beschritten hatten.
Diese Einseitigkeit ist die größte Schwäche des Buches, das zugegebenermaßen, wie Herrmanns Bücher überhaupt, gut geschrieben ist. Es liest sich leicht und flüssig und vermeidet jede professorale Attitüde. Doch eine gute Schreibe ersetzt keine ausgewogene Analyse.

China: Wirtschaftliche Probleme als Kriegsgrund?
Herrmanns Grundüberzeugung führt zu Thesen, die beinahe abenteuerlich zu nennen sind. Über die wirtschaftliche Entwicklung Chinas schreibt sie:
„Die Volksrepublik [China] ist Weltmarktführer bei Stahl, Aluminium, Schiffen, Batterien, Solarpaneelen, E-Autos, Windrädern, Drohnen, 5G-Geräten, Unterhaltungselektronik und Hochgeschwindigkeitszügen. Selbst bei Mikrochips holen die Chinesen auf.
Doch zwei Kennzahlen reichen bereits aus, um das wahre Drama zu verstehen: Im Jahr 2024 wurden gigantische 40,4 Prozent des chinesischen Volkseinkommens in Investitionen gelenkt. Das ist beispiellos in der Welt. Doch obwohl China Unsummen investiert, wird die Wirtschaft nicht effizienter. Der Zuwachs an Produktivität liegt bei null.“ (S. 18/19)
Die Behauptung, der Produktivitätszuwachs liege bei null, lässt sich zumindest anhand der Entwicklung der Arbeitsproduktivität infrage stellen. Eine entsprechende Grafik ist leicht zu finden (siehe Grafik 1).
Grafik 1: Entwicklung der Arbeitsproduktivität in China

Ein positiver Zuwachs der Arbeitsproduktivität widerlegt zwar nicht automatisch die These, dass die Investitionen insgesamt zu wenig effizient sind. Er zeigt aber, dass Herrmanns pauschale Aussage einer genaueren Prüfung bedarf.
Im nächsten Absatz formuliert sie noch schärfer:
„Hart formuliert: China sammelt eine Menge Schrott an. Dieser Schrott glitzert und glänzt und sieht völlig anders aus als früher die maroden Staatskonzerne im Sozialismus – aber auch modernste Infrastruktur ist wertlos, wenn sie eigentlich nicht gebraucht wird.“ (S. 19)
Wenn Herrmann lediglich auf die wirtschaftlichen Probleme Chinas hinweisen wollte, hätte sie nicht ganz Unrecht. Überinvestitionen, ein überdimensionierter Bausektor und ein zu geringer privater Konsum sind tatsächlich Probleme der chinesischen Volkswirtschaft. Daraus folgt jedoch weder, dass China in einer ökonomischen Sackgasse steckt, noch, dass seine Führung deshalb einen Krieg beginnen müsste.
Genau hier liegt der entscheidende Schwachpunkt von Herrmanns Argumentation: Selbst wenn ihre Diagnose einzelner wirtschaftlicher Probleme zutrifft, ist damit noch nicht erklärt, warum daraus eine erhöhte Kriegsbereitschaft entstehen sollte. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Entscheidung für einen Krieg wird behauptet, aber nicht hinreichend belegt.
Russland: Warum sollte Putin keinen Frieden schließen können?
Im Hauptteil führt Herrmann ihre Grundthese anhand der historischen und wirtschaftlichen Entwicklung Russlands und Chinas weiter. Dabei holt sie weit aus und betrachtet die Geschichte beider Länder über lange Zeiträume, bei Russland seit dem Mittelalter, bei China über die letzten zweitausend Jahre. Dass sie wenig Sympathie für die Entwicklung beider Staaten aufbringt, zeigen bereits Überschriften wie „Warum Russland immer rückständig war“ oder „Autarkie um jeden Preis: Made in China 2025“.
Russland kommt dabei noch negativer weg als China. Wirtschaftlich und mit Blick auf die Lebensverhältnisse der Menschen mag dieser Vergleich für die vergangenen zwanzig Jahre teilweise berechtigt sein. In Russland hat sich vor allem eine kleine Oberschicht bereichert, während sich die Lebensverhältnisse vieler Menschen kaum verbessert haben. In China dagegen sind sie in diesem Zeitraum deutlich besser geworden. Diesen Unterschied erwähnt Herrmann nicht in einer Weise, die seiner Bedeutung gerecht würde.
Nach ihrer Darstellung arbeitet Putin seit 2010 bewusst auf einen Krieg hin, um von der schlechten wirtschaftlichen Lage seines Landes abzulenken. Dass auch die westlichen Staaten mit der Ausdehnung der NATO und ihrer Unterstützung der Ukraine zur Verschärfung des Konflikts beigetragen haben könnten, spielt in ihrer Analyse keine Rolle. Dabei müsste eine umfassende Betrachtung der Kriegsursachen auch die Politik des Westens und ihre Auswirkungen auf die russische Bedrohungswahrnehmung untersuchen. Das würde den russischen Angriff auf die Ukraine keineswegs rechtfertigen, aber die Analyse der Vorgeschichte vervollständigen.
Herrmann geht noch einen Schritt weiter: Putin könne den Krieg inzwischen kaum noch beenden, weil die zivile Produktion so weit zurückgefahren worden sei, dass für die zurückkehrenden Soldaten Arbeitsplätze fehlten. Sie schreibt:
„Frieden wäre daher riskant für Putin. Sobald der Krieg endet, wäre der russische Diktator mit der unangenehmen Frage konfrontiert, wie die Ex-Soldaten eigentlich ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Denn im Frieden würden die russischen Waffenschmieden nicht mehr expandieren, sodass die Veteranen Jobs in zivilen Betrieben finden müssten – die es aber kaum noch gibt.“ (S. 18)
Dass eine auf Rüstungsproduktion ausgerichtete Wirtschaft bei einem Kriegsende vor erheblichen Umstellungsproblemen stehen kann, ist durchaus plausibel. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass Putin den Krieg nicht beenden kann oder deshalb einen neuen beginnen muss. Hier werden wirtschaftliche Schwierigkeiten zu einer politischen Zwangsläufigkeit erklärt, die erst noch nachgewiesen werden müsste.
China: Aufrüstung als Ausweg aus wirtschaftlichen Problemen?
In China sieht Herrmann die Lage anders. Das Land befindet sich nicht in einer vergleichbaren Kriegswirtschaft, erhebt aber Ansprüche auf Taiwan und will auf diese Insel nicht verzichten. Nach ihrer Auffassung könnte China seine zivile Wirtschaft relativ leicht auf Kriegsproduktion umstellen, weil die hohen Investitionen in die Infrastruktur ohnehin keinen ausreichenden Mehrwert erzeugten. Es würde demnach kaum auffallen, wenn ein Teil dieser Ressourcen künftig dem Militär zugutekäme.
Doch auch hier ist die Argumentation zu einfach. Aus möglichen Überkapazitäten und unrentablen Investitionen folgt nicht, dass sich zivile Produktionskapazitäten ohne Weiteres militärisch nutzen lassen. Ebenso wenig ist damit erklärt, warum die chinesische Führung einen Krieg beginnen sollte. Dass China Taiwan militärisch überlegen sein mag, beantwortet diese Frage ebenfalls nicht. Hinzu kommt Herrmanns Vermutung, Xi Jinping wolle als Vollender der „Ein-China-Politik“ in die Geschichtsbücher eingehen.
Damit beschreibt die Autorin zwar mögliche wirtschaftliche und politische Motive, doch sie behandelt sie weitgehend als Belege für eine drohende Kriegsentscheidung. Gerade bei einer solchen Frage müsste zwischen wirtschaftlichen Voraussetzungen, politischen Absichten und tatsächlichen Entscheidungen deutlicher unterschieden werden.
Die Wirtschaft als Waffe – und die NATO als Antwort
Nachdem Herrmann Russland und China als die eigentlichen Kriegstreiber dargestellt hat, widmet sie sich im dritten Teil den wirtschaftlichen Voraussetzungen moderner Kriegsführung und der Frage, wie sich die westlichen Staaten darauf vorbereiten müssen.
Dabei untersucht sie, wie wirtschaftliche Abhängigkeiten, insbesondere von China, als Waffe gegen Europa und die USA eingesetzt werden könnten. Sie analysiert die Warenströme und wirtschaftlichen Verflechtungen und warnt vor einer zu großen Abhängigkeit. Hier liegt eine Stärke des Buches: Die wirtschaftlichen Voraussetzungen politischer und militärischer Macht werden anschaulich herausgearbeitet.
Herrmann bringt die Problematik auf den Punkt:
„Im Krieg wird jedoch nicht nur der Handel zur Waffe, sondern die zivile Wirtschaft wird selbst zum Ziel.“ (S. 219)
Im letzten Kapitel des dritten Teils, „Die Nato: viel Geld, aber wenig Waffen“, untersucht sie, ob die Waffensysteme der NATO ausreichen, um eine angemessene Abschreckung zu gewährleisten. Ihr Urteil fällt eindeutig aus:
„Europa hat aber nicht nur zu wenig Geld für seine Verteidigung ausgegeben – diese knappen Mittel wurden auch noch verschwendet.“ (S. 246)
Mit ihrer Kritik an der Verschwendung von Rüstungsausgaben, die sie unter anderem am Beispiel Deutschlands festmacht, dürfte Herrmann wahrscheinlich recht haben. Auch die Untersuchung wirtschaftlicher Abhängigkeiten und militärischer Produktionskapazitäten ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die Sicherheit Europas.
Doch gerade an dieser Stelle stellt sich die Frage, ob die Vorbereitung auf einen möglichen Krieg tatsächlich die einzige oder vorrangige Antwort sein sollte.
Was ist mit dem Frieden?
Herrmann untersucht ausführlich, wie Staaten ihre Wirtschaft für einen Krieg nutzen können, welche Abhängigkeiten sich als Waffe einsetzen lassen und wie die westlichen Länder ihre militärische Verteidigungsfähigkeit verbessern müssen. Was dagegen weitgehend fehlt, ist die Frage, wie Kriege durch Verhandlungen, Entspannung und Abrüstung verhindert werden können.
Müsste nicht mit derselben Intensität, mit der sich Staaten gegen einen möglichen Krieg wappnen, auch an den politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen des Friedens gearbeitet werden? Welche Möglichkeiten gibt es, Konflikte zu entschärfen, gegenseitige Bedrohungswahrnehmungen abzubauen und eine weitere Aufrüstungsspirale zu verhindern?
Diese Fragen lässt die Autorin weitgehend außer Acht. Damit verfehlt sie das Ziel, das sie sich mit ihrem Buch gesetzt hat: zu erklären, wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet. Denn wer die wirtschaftlichen Ursachen und Voraussetzungen von Kriegen untersucht, müsste auch fragen, unter welchen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen Frieden möglich wird.
Eine solche Analyse wäre nicht nur umfassender, sondern würde auch der Komplexität des Themas gerechter. So bleibt ein gut geschriebenes Buch, das wichtige wirtschaftliche Zusammenhänge aufzeigt, dessen Erklärung der Kriegsgefahr aber zu einseitig ausfällt und dessen friedenspolitische Perspektive zu kurz kommt.


